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Warum ist es so wichtig, dass alle Länder weltweit Zugang zu Covid-19-Impfstoffen haben?

Die Covid-19-Pandemie betrifft die ganze Welt. Um sie zu beenden, ist ein gemeinschaftlicher, globaler Ansatz erforderlich. Aber warum ist es so wichtig, dass alle Länder so schnell wie möglich Zugang zu Impfstoffen haben? 

Illustration of the world with four vaccine vials around the edge.
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Wellcome

Bislang wurden mehr als 200 Millionen Covid-19-Impfstoffdosen(opens in a new tab) in über 50 Ländern verabreicht. Die weltweite Verteilung zeigt jedoch enorme Ungleichheiten auf. 

Auf die USA, China und Großbritannien entfallen zusammen etwa 120 Millionen Dosen, zwei Drittel aller verabreichten Impfdosen, während die meisten Länder noch gar nicht mit der Impfung ihrer Bevölkerung begonnen haben und einige Länder überhaupt keinen Zugang zu Impfstoffen haben. 

COVAX(opens in a new tab), eine multilaterale Initiative der Weltgesundheitsorganisation gemeinsam mit CEPI(opens in a new tab) und Gavi, setzt sich dafür ein, dass Impfstoffe gerecht verteilt werden und kein Land vom Zugang zu Covid-19-Impfstoffen ausgeschlossen wird. Das Programm hat bereits große Fortschritte erzielt und es wird erwartet, dass im Jahr 2021 bis zu 1,8 Milliarden Impfstoffdosen(opens in a new tab) über COVAX bereitgestellt gestellt werden.

Die meisten der hergestellten Impfstoffdosen werden jedoch weiterhin von Ländern aufgekauft, die für die Versorgung ihrer Bevölkerung Verträge direkt mit den Pharmaunternehmen abschließen. Bisher kommen mehr als die Hälfte aller bestätigten Covid-19-Impfstoffbestellungen aus nur einer Handvoll einkommensstarker Länder. 

Es gibt zahlreiche gesundheitliche, wissenschaftliche, wirtschaftliche und moralische Gründe für eine gerechte weltweite Verteilung. 

Jeremy Farrar: Warum internationale Zusammenarbeit unerlässlich ist, um Covid-19-Impfstoffe weltweit bereitzustellen. 

Wir müssen die Verbreitung neuer Varianten verhindern  

Neue Virusvarianten, wie die, die zuerst in Großbritannien und Südafrika nachgewiesen wurden, haben eine größere Chance zu entstehen, wenn viele Viren mit vielen Wirten im Umlauf sind.  

Bereits jetzt sehen wir, dass einige dieser Varianten die Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen reduzieren können. Die Eindämmung des Virus und der aktuellen Varianten ist von entscheidender Bedeutung, um die Entstehung weiterer neuer Varianten zu reduzieren, von denen einige das Potenzial haben könnten, die jetzigen Impfstoffe zu umgehen.  

Wenn wir die Virusmenge überall verringern, reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus mutiert und möglicherweise neue besorgniserregende Varianten hervorbringt. Impfungen gehören neben Gesundheitsmaßnahmen wie Abstand halten und Händewaschen zu den wichtigsten Mitteln, um die Virusmenge in der Bevölkerung zu reduzieren.  

Wenn jedoch viele Menschen in nur wenigen Ländern geimpft werden, können in anderen Ländern weiterhin hohe Virusmengen zirkulieren – verbunden mit dem Risiko, dass neue Varianten auftreten. Im schlimmsten Fall könnte die derzeit verfügbaren Impfstoffe vor künftigen Covid-19-Varianten nicht mehr wirksam schützen. 

Impfstoffe schützen nicht nur vor schweren Krankheiten, sondern tragen auch dazu bei, das Virusvorkommen bei vielen Krankheiten weltweit zu reduzieren. Um genau das für Covid-19 zu erreichen, müssen die Impfstoffe alle Länder erreichen - nicht nur einige wenige. Andernfalls bleibt die Gefahr für uns alle bestehen. 

Ohne gerechte Verteilung von Covid-19-Impfstoffen wird sich die Weltwirtschaft nicht erholen  

Die Pandemie hat die meisten großen Volkswirtschaften hart getroffen. Ein gerechter Zugang zu Covid-19-Impfstoffen ist für die wirtschaftliche Erholung von entscheidender Bedeutung. 

Eine aktuelle Studie(opens in a new tab) hierzu, die von der International Chamber of Commerce Research Foundation in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass die Wirtschaft dieses Jahr um bis zu 9,2 Billionen US-Dollar schrumpfen könnte, wenn der Zugang zu Impfstoffen nicht auf globaler Ebene koordiniert wird – das entspricht sieben Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. 

Da jedes Land in seinen Handelsbeziehungen von anderen Ländern abhängig ist, ist es unwahrscheinlich, dass sich einzelne Volkswirtschaften nennenswert erholen werden, solange ihre Handelspartner nicht einen vergleichbaren Zugang zu Impfstoffen haben. Laut der Studie könnten die Industrieländer bis Ende 2021 bis zu vier Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts verlieren, wenn keine koordinierte globale Verteilung von Impfstoffen erfolgt – auch wenn sie selber wirksame Impfprogramme umsetzen. 

Das Wirtschaftswachstum muss dringend wieder angekurbelt werden, um eine große weltweite Wirtschaftskrise und weitere Arbeitsplatzverluste zu verhindern. Damit wir wieder arbeiten, zur Schule gehen, unsere Familien sehen oder im Ausland Urlaub machen können – und damit das Wirtschaftswachstum wieder in Gang kommt – müssen wir Impfstoffe überall verfügbar machen.  

Diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, müssen geschützt werden – weltweit  

Es gibt auch ein starkes moralisches Argument dafür, dafür zu sorgen, dass Covid-19-Impfstoffe auf der ganzen Welt gerecht verteilt werden, damit sie diejenigen erreichen, die sie am meisten brauchen. 

Weltweit wurden bereits mehr als 200 Millionen Dosen(opens in a new tab) verabreicht, allerdings zeigt die globale Verteilung bisher große Ungleichheiten auf. Während viele einkommensstarke Länder Verträge direkt mit den Pharmaunternehmen abschließen, werden viele Länder mit niedrigerem Einkommen auf COVAX angewiesen sein, um Covid-19-Impfstoffe zu erhalten.  

Die globale Verteilung muss auf gerechte Weise erfolgen, damit der Impfschutz allen Ländern zugutekommt, unabhängig von ihrer Verhandlungsposition. Covid-19 verschärft die ohnehin schon enormen weltweiten Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung weiter. Zunächst die gesamte Bevölkerung eines Landes zu impfen, bevor man anderen den Zugang ermöglicht, könnte Millionen von Menschen einem unnötigen Risiko aussetzen. 

Obwohl die Impfstoffproduktion hochgefahren wird, dürfte das Angebot für einige Zeit begrenzt sein und weit unter dem Bedarf liegen. Wenn keine gemeinsamen Anstrengungen unternommen werden, um den Zugang zu Impfstoffen und deren Verteilung auf faire Weise zu regeln, könnte es an einigen Orten zur Hortung und an anderen zur Verknappung kommen. Dies bedeutet, dass Impfstoffe diejenigen, die am stärksten gefährdet sind, in vielen Ländern nicht erreichen – möglicherweise über Jahre hinweg. 

Wir brauchen Regierungen, die COVAX(opens in a new tab) und andere globale Initiativen unterstützen und Impfstoffdosen mit Ländern teilen, die sie brauchen. Jegliche Verzögerung bei der Gewährleistung eines fairen und gerechten Zugangs wird die Pandemie lediglich verlängern. 

Keiner von uns ist sicher, bis wir alle sicher sind  

Internationale Organisationen arbeiten bereits intensiv daran, sicherzustellen, dass Impfstoffe für alle verfügbar, zugänglich, geeignet und erschwinglich sind. 

Das ist zwar eine gute Nachricht, aber das reicht nicht. Vor allem muss das Tempo bei der weltweiten Verteilung erhöht werden. Bei Covid-19 haben wir nicht die Zeit, den Impfstoff schrittweise, Land für Land, einzuführen. Das Beste, was wir tun können, um die Pandemie in den Griff zu bekommen: So schnell wie möglich überall auf der Welt impfen, um Menschen überall zu schützen. 

Je schneller wir dafür sorgen, dass die am stärksten gefährdeten Menschen geschützt sind, desto schneller können wir die Einschränkungen aufheben und überall zur Schule und zur Arbeit zurückkehren und ein globales Wirtschaftswachstum bewirken. 

Jeremy Farrar erklärt, wieso gerechter Zugang zu Impfstoffen gegen Covid-19 notwendig ist – und zwar noch im Jahr 2021. 

Dies ist eine der Situationen, in der gesundheitliche, wissenschaftliche, wirtschaftliche, finanzielle und moralische Perspektiven zusammengeführt werden müssen. Die einzige Möglichkeit, die Pandemie zu beenden und unser aller Leben zu verbessern, besteht darin, die Impfstoffe für alle zugänglich zu machen. Ich bin sehr optimistisch, dass dies der Kurs sein wird, den die Menschheit 2021 einschlägt.

Jeremy Farrar, Direktor des Wellcome Trust

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